Sprache: Bonobos kombinieren ihre Rufe nach sprachähnlichen Regeln

Copright/Quelle: Martin Surbeck, Kokolopori Bonobo Research Project
Zürich (Schweiz) – Bonobos sind nicht nur die nächsten Verwanden des Menschen, sie bilden auch komplexe Lautfolgen, wie sie an sich schon menschlichen Wortkombinationen ähneln.
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Wie da Team um die volutionsbiologin Mélissa Berthet von der Universität Zürich (UZH) gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Harvard University in einer aktuell im Fachjournal „Science“ (DOI: 10.1126/science.adv1170) veröffentlichten Studie zeigen, reichen die Schlüsselaspekte der Sprache evolutionär weit zurück.
Sprachwissenschaft in freier Wildbahn
Für ihre Untersuchungen haben die Forschenden das Stimmverhalten wilder Bonobos im Kokolopori Community Reservat in der Demokratischen Republik Kongo beobachtet. Mit neuartigen linguistischen Methoden zeigen sie erstmals, dass Bonobos ihre Lautäußerungen ähnlich wie Menschen nach dem Prinzip der Kompositionalität zusammensetzen.
„Nach diesem Prinzip werden Wörter zu Wortgruppen kombiniert, deren Bedeutung von den einzelnen Wörtern und ihrer Reihenfolge abhängt“, erläutert die UZH-Pressemitteilung und führt dazu weiter aus: „Bei einfacher Kompositionalität ergibt sich die Bedeutung aus der Addition der Bestandteile: ein ‚blonder Tänzer‘ ist sowohl blond als auch ein Tänzer. Bei komplexerer Kompositionalität beeinflusst ein Element das andere: Ein ‚schlechter Tänzer‘ ist nicht einfach ein Tänzer mit einer zusätzlichen Eigenschaft, sondern das Adjektiv verändert die gesamte Bedeutung der Wortgruppe.
Ein Bonobo-Wörterbuch
In einem ersten Schritt wandten die Forscher eine von Linguisten entwickelte Methode an, um die Bedeutung menschlicher Wörter zu quantifizieren. „Damit konnten wir eine Art Bonobo-Wörterbuch erstellen – eine vollständige Liste der Bonobo-Rufe und ihrer Bedeutungen“, so Berthet. „Dies ist ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Kommunikation anderer Arten, da wir zum ersten Mal die Bedeutung von Lauten im gesamten Lautrepertoire eines Tieres bestimmen.“
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Nachdem die Forscher die Bedeutung der einzelnen Bonobo-Rufe bestimmt hatten, untersuchten sie deren Kombinationen mit einem weiteren linguistischen Ansatz. „Auf diese Weise konnten wir messen, wie die Bedeutung einzelner Rufe mit derjenigen von Rufkombinationen zusammenhängt“, erklärt Simon Townsend, Professor für Primaten-Kommunikation, ebenfalls an der UZH. Die Forschenden identifizierten zahlreiche Kombinationen, deren Bedeutung sich aus ihren Bestandteilen ergab – ein zentrales Merkmal der Kompositionalität. Einige wiesen sogar überraschende Ähnlichkeiten mit den komplexeren Strukturen der menschlichen Sprache auf. „Das deutet darauf hin, dass die Fähigkeit, Laute auf komplexe Weise zu kombinieren, nicht so einzigartig für den Menschen ist, wie wir dachten“, sagt Berthet.
Kompositionalität und Lautbildung sind älter als gedacht
Anhand der Ergebnisse schlussfolgern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass die evolutionären Wurzeln der sprachlichen Kompositionalität deutlich älter sind als bisang angenommen: „Menschen und Bonobos hatten vor 7 bis 13 Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren und teilen viele Merkmale ihrer Abstammung – wahrscheinlich auch die Kompositionalität ihrer Kommunikation“, fasst Mitautor, Harvard-Professor Martin Surbeck zusammen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass unsere Vorfahren diese Fähigkeit bereits vor mindestens 7 Millionen Jahren besaßen – wenn nicht sogar früher.“
Die Studie zeigt auch, dass die Fähigkeit, aus kleineren Lauten komplexe Bedeutungen zu bilden, lange vor der menschlichen Sprache existierte. Damit unterstreicht die Studie, dass die stimmliche Kommunikation der Bonobos der menschlichen Sprache ähnlicher ist als bislang gedacht.
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Recherchequelle: UZH
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